Von Menschen und Schlangen

Vor kurzer Zeit habe ich Das Erbe des Rings, Band 4 der Akademie der Abenteuer, gelesen. Besser gesagt, verschlungen. In mich hineingesaugt. Ein wunderschönes Buch, das mich nicht nur wegen der Geschichten, die es erzählt, in Bann gehalten hat, sondern wegen der erleuchtenden Einblicke in die vielseitige Natur der Menschen und ihres Zusammenseins. Machtkämpfe und Gier, Hinterhältigkeit und Lügen existieren neben dem Streben nach Wahrheit, nach Aufrichtigkeit und nach Gerechtigkeit. Wissen kann so oder so, für gute und böse Zwecke angestrebt und eingesetzt werden.

Die Figuren, die in diesem Buch vorkommen, enthüllen mehr als das, was ich hier erzählen kann. Ein König, der sein Königreich durch Krieg und Töten errungen hat, eine Königin, die eine Vergangenheit von Missbräuchen und Gewalt dadurch wiedergutmachen will, dass sie ihren Sohn regieren lässt, und ein junger Mann, der König werden soll und vielleicht nicht werden will, nicht um jeden Preis, tauchen aus einer fernen Vergangenheit auf und vermischen sich mit Figuren aus dem Heute, so dass ihre Gedanken und Worte, ihre Gefühle und Handlungen ineinander schmelzen, wie die Farben auf einer Palette, wie die Spiegelung von Blättern in einem klaren See.

Ich möchte nicht viel über die Geschichte verraten, vielmehr einige Gedanken zu Papier bringen, einige Erkenntnisse, die dieses Buch mir für mein Leben, insbesondere für einige Lebenssituationen, gebracht hat.

Wahrheit und Lügen

Die Akademie der Abenteuer ist ein besonderer Ort. Dort erforschen junge Lehrlinge zusammen mit ihren Meistern mit Leib und Seele die Vergangenheit: Die Früchte ihrer Erkenntnisse sind historische Fluten, in denen die Vergangenheit lebendig wird und ihre Lehre in der heutigen Welt sichtbar macht. Aber in der Akademie gibt es einige Menschen, Lehrlinge und Meister, die im Geheim daran arbeiten, das Wissen, das in der Akademie entsteht, für ihre Zwecke zu missbrauchen. Diese Menschen spinnen Komplotte, spionieren andere aus, greifen an, zerstören, und natürlich lügen sie auch. Im Grunde nichts Neues. Aber erstaunlich und lehrreich ist, wie dies im Buch dargestellt wird. Ein Beispiel davon: An einer Stelle geht es darum, dass die Mutter eines Lehrlings, die sich mit denjenigen zusammengetan hat, die Schätze aus der Akademie schmuggeln, um selbst an diesen Schätzen Geld zu verdienen, dass diese Mutter vom Direktor der Akademie verdächtigt wird. Ihr Sohn Rufus ist hingegen der Akademie zutiefst treu und verbunden, kann aber in dieser Situation wenig tun: Seinen Verdacht, dass ein anderer Lehrling, das Mädchen mit dem Schlangenkleid, dahintersteckt, kann er nicht beweisen. Und das Mädchen mit dem Schlangenkleid ist eine Meisterin im Lügen. So erwidert sie auf seine Anschuldigungen:

„Alles klar? Können wir endlich weiter machen?“

„Nein, Coralia“, sagte Rufus. „Nicht bevor ich nicht weiß, wie es kommt, dass meine Mutter auf einer Auktion Bücher aus der Bibliothek der Akademie verkauft. Und woher sie offenbar gewusst hat, dass sich im Buchdeckel einer Inkunabel ein Fluchtbericht befand!“

Coralia lächelte gelassen.

„Das kann ich dir nicht beantworten, Rufus, Geselle, Frischling!“ Sie verzog den Mund. „Aber vielleicht weißt du es ja selbst am besten? Sie hat also Bücher aus der Bibliothek verkauft! Wie aufschlussreich, das zu erfahren. Schade, dass wir gerade keine Zeit haben, in die Mensa zu gehen, das würde alle anderen in diesen seltsamen Tagen bestimmt auch brennend interessieren. Nun, denke ich, sie wird es für dich tun, Rufus. Weil sie nicht will, dass du weiter so arm und kümmerlich aufwächst, wie du es offenbar bisher getan hast. Und ich vermute sehr stark, du wirst ihr irgendetwas verraten haben, was sie auf die richtige Spur gebracht hat. Vielleicht hat sie ja auch ein bisschen die Flutgabe [die Gabe, historische Fluten hervorzurufen, um die es in der Akademie geht, MGT] und ist der Akademie auf die Schliche gekommen, als sie beim Flutmarkt war? Oder deine Frischlingsfreunde haben sich verplappert? Vielleicht steht deine Mutter sogar hinter den Anschlägen?“

Coralia schürzte die Lippen und stieß einen zischenden Laut aus. „Ich jedenfalls werde die Akademie verteidigen bis zum letzten Atemzug. Ich lasse sie mir nicht von ein paar naiven Frischlingen mit ein bisschen Anfängerglück kaputt machen und wegnehmen. Ist das klar?!“

Mit feurigem Blick sah Coralia in die Runde.

Rufus schwieg entsetzt. Er hatte gedacht, dass er Coralia stellen könnte. Aber sie hatte seine Anschuldigung so leicht pariert wie einen Angriff mit einem Spielzeugschwert. (Akademie der Abenteuer. Das Erbe des Rings. Graphiti Verlag, S. 187)

Als ich die Antwort von Coralia, dem Mädchen mit dem Schlangenkleid, gelesen habe, habe ich gedacht: Wie geschickt! Sie dreht das Ganze um und droht sogar dem Unschuldigen, ihn vor der gesamten Akademie anzuschwärzen! Warum kann ich das nicht? In manchen Situationen, wäre es ganz günstig, so was zu können. (Und leider kenne ich einige Menschen, die es können und tun). Das Buch in der Hand, habe ich die Sätze noch einmal gelesen und darüber nachgedacht. Und plötzlich wurde es mir klar, warum ich das nicht kann: Ich will es nicht. Ich will es auch nicht lernen. Ich will denjenigen, die so eine Situation für sich umdrehen, die für ihre Zwecke lügen, nicht mit denselben Waffen, nicht mit denselben Lügen begegnen.

Und ich war froh, dass ich es nicht kann.

Macht und Methode

Einige ehemalige Meister, macht- und geldgierig, finden, dass die Kräfte der Akademie, ihr „Potential“ würde man heute sagen, verschwendet sind, wenn sie nur dazu genutzt werden, Wissen zu erlangen und dieses Wissen in die Welt zu setzen. Sie greifen die Akademie aus dem Verborgenen an, und wenn der günstige Moment gekommen ist, übernehmen sie die Macht, die Leitung der Akademie. So soll die Akademie von einer Einrichtung, die dem Wissen verpflichtet ist, zu einem „mächtige[n] Unternehmen mit Erfolgsquoten“ werden. So spricht einer von ihnen, Meister Malenhagen:

„[…] die altmodischen Methoden der bisherigen Führer der Akademie haben zu großer Schwäche geführt und die Akademie in große Gefahr gebracht. […] Aber zum Glück für alle hier Versammelten ist es meiner Frau und mir gelungen, diesen Angriffen auf die Spur zu kommen und sie zu beenden. Wir sind selbst Antikenhändler und so haben wir es geschafft, die Gegner der Akademie unschädlich zu machen. Um das Netz unserer Gegner aber nicht sich selbst zu überlassen und es so auf kurz oder lang wieder zu Macht kommen zu lassen, haben wir uns dazu entschlossen, es zu übernehmen. Wir selbst werden ab heute den Markt der Antikenhändler beherrschen. Wir werden dafür sorgen, dass andere die Akademie nie mehr angreifen können. Wir sind von nun an die Herren der Geschichte!“ (Akademie der Abenteuer. Das Erbe des Rings. Graphiti Verlag, S. 201-202)

Sind es nicht Worte, die wir auch heute hören?

Geschickt und einfach. Kein Kommentar nötig. Aber Direktor Saurini, der gute Direktor der Akademie, erwidert:

„Die Worte, die ihr eben aus dem Mund von Meister Malenhagen gehört habt – ja, er ist ein Meister der Akademie, auch wenn es mir selbst schwer fällt, das zu glauben – sind vielleicht in manchen Dingen wahr. Er sagt, dass die Akademie angegriffen wurde. Das stimmt. Aber er sagt nicht, ob er auch weiß, woher diese Angriffe ausgingen. Er sagt, er habe diese Angriffe ausschalten können. Nichts aber lässt sich leichter ausschalten als das, was man möglicherweise selbst initiiert hat.“ (Akademie der Abenteuer. Das Erbe des Rings. Graphiti Verlag, S. 201-202)

Food for thought. Stoff zum Nachdenken.

IMG_5951Die Akademie der Abenteuer (Foto: Giovanna T.)

A suivre – Fortsetzung folgt – continua…

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